ES WAR EINMAL …
"Einen ,Binder‘ zu haben, das war schon was!"
Regina Fischer aus Kiefen erinnert an die Erntearbeit in ihrer Jugend
Heute sieht man oft, wie große Mähdrescher ein Kornfeld in Windeseile abernten und das Korn auch gleich schon in bereitstehende Anhänger verladen. Was heute in kurzer Zeit erledigt ist, brauchte früher viele Hände und lange Tage. Regina Fischer hat Fotos aus ihrer Kinder- und Jugendzeit wieder entdeckt, die viel über die Erntezeit in der Mitte des letzten Jahrhunderts erzählen.
Reginas Eltern führten eine Gastwirtschaft und hatten daneben eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh. Auch ihr Onkel bewirtschaftete einen Hof in Kiefen. Sie selbst war Einzelkind und musste von klein auf mithelfen, besonders in der Erntezeit. Die verschiedenen Getreidesorten wurden nach dem Mähen damals von Hand zu Garben gebunden und anschließend auf dem Feld zu sogenannten Stiegen aufgestellt, erinnert sich Regina. Zwölf Garben ergaben eine Stiege. Das Binden war allerdings eine Sache für sich. Bindeband gab es zunächst nicht, also wurde das Band aus den Getreidehalmen selbst hergestellt. "Bei Roggen ging das noch einigermaßen, aber bei Weizen und Gerste war das wirklich richtig schwierig, fast schon ein kleines Kunstwerk", erzählt sie. "Mir wollte das einfach nicht gelingen!"
Das Schönste war das Picknick auf dem Feld
In den Ferien kamen oft auch die Tante und deren Sohn aus Hamburg ins Dorf, um bei der Ernte zu helfen. Jede Hand wurde gebraucht. Die Frauen trugen als Sonnenschutz bei der Arbeit auf dem Feld eine Art Haube, „Fludderhut“ genannt. Das Schönste an diesen Erntetagen war für Regina die gemeinsame Kaffeepause auf dem Feld. Dazu gab es Kaffee aus der Blechkanne, Brot und oft auch Butterkuchen. Auf dem Foto sieht man die Helfenden zwischen den bereits aufgestellten Stiegen zusammensitzen. Für einen Moment ruhte die Arbeit, und es gab Zeit, um durchzuatmen und sich zu stärken. Wer damals schon einen sogenannten Binder hatte, war gut dran. "Einen Binder zu haben, das war damals schon was!", erinnert sich Regina. Diese Maschine war ein Vorläufer des Mähdreschers. Sie schnitt das Korn nicht nur, sondern band es auch gleich zu Garben. Dann mussten die Garben nur noch aufgestellt werden. Für alle Höfe ohne „Binder“ blieb es bei der mühevollen Handarbeit. Auch für Regina, denn ihre Eltern besaßen für ihre kleine Landwirtschaft keinen Binder.
Nach der Ernte wurde das Getreide zum Trocknen in die Scheune gefahren. Eine eigene Dreschmaschine hatten viele Höfe nicht, auch auf dem Hof ihrer Eltern gab es keine. "Zum Dreschen kam Bauseneck aus dem Kniepenkrug mit seinem Dreschkasten in die Scheunen", erinnert sich Regina. Wenn er sich mit der Dreschmaschine angekündigt hatte, mussten viele Helfende zusammengetrommelt werden. Eine Person musste die Garben öffnen, eine andere legte sie in die Maschine, wieder andere nahmen die Säcke ab und trugen sie weg. Auch die ausgedroschenen Garben wurden weiterverwendet. Meistens war es Aufgabe der Frauen, die ausgedroschenen Garben aufzustapeln. Später wurden sie vor allem als Einstreu für die Tiere verwendet. "Teilweise wurde daraus sogar Viehfutter gemacht, vermischt mit Schrot und kleingehackten Runkeln", erzählt Regina.
Eine Kuh mit Dickschädel
Zur kleinen Landwirtschaft gehörte auch eine Kuh. Sie hieß Buntjack. Im Sommer musste Regina diese Kuh auf der Wiese am Kiefener Dorfteich, die ihre Eltern von der Gemeinde gepachtet hatten, hüten. Meistens hatte sie auch ein paar Freundinnen dabei, damit die Zeit nicht langweilig wurde. Die Kuh Buntjack hatte allerdings ihren eigenen Kopf. Regina erinnert sich, dass ihr das Gras am Teich offenbar nicht besonders schmeckte, vielleicht war es vom Wasser etwas sauer. Buntjack wusste genau, dass auf der Wiese vor dem heimischen Hof viel besser schmeckender Klee wuchs. Deshalb büxte sie immer wieder aus. Egal, ob die Mädchen sich ihr in den Weg stellten: sie fand stets einen Weg zum Klee, manchmal sogar quer durch den Dorfteich. Und sie stieß um sich, wenn Regina sie zurückhalten wollte. Reginas Großvater schimpfte dann regelmäßig: „Nee düsse Kinner! Nich mal eene Koh köönt se oppassen!